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h5.card-title Evangelium?
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ul.card-text
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li Unter „Evangelium“ im christlichen Sinne verstehen wir eine Erzählung vom Leben Jesu, zumindest ab seiner Taufe (bzw. dem Wirken Johannes des Täufers) bis zu Tod und Auferstehung.
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li So nennt Markus auch sein Werk: „Anfang des Evangeliums Jesu Christi“ (Mk 1,1).
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li Markus – als jener, der als erster ein „Leben Jesu“ verfasst – gilt als Erfinder dieser Gattung.
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li Die anderen Evangelisten benennen ihre Werke allerdings anders:
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ul
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li Matthäus – der das Werk des Markus kannte und als eine seiner Vorlagen benutzte – nennt sein Werk in Mt 1,1 „Buch (der Abstammung/Ursprungs)“, womit er alttestamentliche Vorbilder aufgreift (vgl. z. B. Gen 5,1).
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li Lukas – für den das gleiche gilt wie für Matthäus – nennt sein Werk in Lk 1,1 „Erzählung“ („eine Erzählung über die Ereignisse abzufassen, die sich unter uns erfüllt haben“).
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li.small Bei Johannes fehlt jede Benennung seines Werkes.
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h5.card-title Evangelium!
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h6.card-subtitle.text-muted Warum Markus sein Werk so nennt
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h5.card-title <i>Evangelien</i> aus dem Kaiserhaus
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h6.card-subtitle.text-muted Das Evangelium vom Herrschaftswechsel
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hr
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ul.card-text
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li Nachrichten aus dem Kaiserhaus – insbesondere Thronbesteigungen, Geburten von Erben und militärische Erfolge – wurden <i>Evangelien</i> genannt.
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li Als Markus sein Evangelium schreibt, hat gerade das Evangelium von der Thronbesteigung Vespasians die Runde gemacht: ein Herrschaftswechsel wurde vollzogen.
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li
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| Auch Markus erzählt in seinem Evangelium von einem (angezielten) Herrschaftswechsel:
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br
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q.bibeltext
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| Nachdem Johannes ausgeliefert worden war, ging Jesus nach Galiläa; er verkündete das <i>Evangelium Gottes</i> und sprach:
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br
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| Die Zeit ist erfüllt, das <i>Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!</i>
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span.bibelstelle Mk 1,14-15
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h5.card-title <i>Evangelium</i> im paulinischen Sinne
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h6.card-subtitle.text-muted Das Evangelium von Tod und Auferstehung Jesu
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hr
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p.card-text.card-text
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q.bibeltext.card-text
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| Ich erinnere euch, Brüder und Schwestern, an das Evagenlium, das ich euch verkündet habe. ...
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br
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| Durch dieses Evangelium werdet ihr gerettet werden. ...
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br
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| ... vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe:
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br
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i Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden.
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br
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i Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf.
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span.bibelstelle.card-text 1 Kor 15,1-5
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p.card-text
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i Durchgehend bezieht sich „Evangelium“ bei Paulus auf das Ereignis von Tod und Auferstehung Jesu und ist eine Kurzformel dafür.
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br
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| Am Leben des irdischen Jesu ist Paulus – mit Ausnahme der Kreuzigung – nicht interessiert.
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| Er entwickelt seine ganze Theologie aus dem Bekenntnis, dass der Gekreuzigte auferstanden ist.
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br
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i „Evangelium“ im Sinne einer Erzählung des „Lebens Jesu“ ist Paulus völlig fremd!
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p.card-text.mb-0
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| Neben dem Bekenntnis ist Paulus wichtig, die entsprechenden Konsequenzen für den eigenen Lebensweg zu ziehen:
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p.card-text
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q.bibeltext.card-text
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| Vor allem: Lebt als Gemeinde so, wie es dem Evangelium Christi entspricht! ...
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br
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| Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesuss entpricht:
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br
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| Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave ...
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| er erniedrigte sich und war gehormsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.
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span.bibelstelle.card-text Phil 1,27*; 2,5-11*
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h5.card-title Das Evangelium nach Markus
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h6.card-subtitle.text-muted Eine Verbindung beider Evangelien-Begriffe
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.small
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p.card-text.mb-0 Festzustellen ist:
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ul.card-text.mb-0
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li
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| Der zeitliche Konnex zwischen der Thronbesteigung Vespasians und der Abfassung des Markus-Evangeliums ist sehr wahrscheinlich,
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br
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| der räumliche für das (zeitversetzte) Wirken Vespasians und Jesu im Heiligen Land sicher,
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br
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| der räumliche auch für die Identität von Ort der Abfassung des Evangeliums und Hauptstadt des römischen Reiches wahrscheinlich,
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br
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| das Thema „Herrschaftswechsel“ spielt Markus schon ziemlich am Anfang seines Evangeliums ein,
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br
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| der Titel „Sohn (eines) Gottes“ – Kaisertitulatur zu Lebzeiten des Kaisers – in Mk 1,1 und 14,39 fügt sich hier ebenfalls ein (→ Zeitgeschichte).
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li
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| Die Einzelbetrachtung der Erzählungen im Markus-Evangelium wird erweisen, dass für so manche Erzählungen immer wieder Stellen in den Paulusbriefen
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| „Pate gestanden haben“.
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p.card-text.mb-3 Dies lässt als These folgendes formulieren:
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p.card-text
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| Die Nachrichten und Erzählungen rund um die Thronbesteigung des Vespasian („Evangelien“), die teils im Heiligen Land verortet sind, sind für Markus Anlass,
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| das Evangelium von Tod und Auferstehung Jesu (im paulinischen Sinne) narrativ – erzählend – umzusetzen.
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p.card-text
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| In seinem Evangelium formuliert Markus also einerseits aus christlich Bekenntnisaussagen
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| sowie andererseits aus sich damit verbindenen ehtischen Forderungen, wie er beides bei Paulus und schon bei ihm miteinander verschlungen findet, Erzählungen
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| und gestaltet so ein „Leben Jesu“ von der Verkündigung des Täufers und der Taufe Jesu bis zum Tod Jesu in Jerusalem und der Auferstehung.
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p.card-text
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| Dabei hat Markus auch ihm zugängliche Erinnerungen an das historische Wirken Jesu aufgegriffen haben, besonders in der Wort-Überlieferung;
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br
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| auch Erinnerungen an Johannes den Täufer haben ihm vorgelegen.
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p.card-text
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| Vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund auffällige Erzählzüge zeigen, dass Markus die beiden Protagonisten Vespasian und Jesus einander gegenüberstellt.
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br
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| Beide verbindet – in der Darstellung des Markus, die sicher Anhalt hat an historischen Tatsachen –
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| das Wirken in Galiläa und der Weg nach Jerusalem – mit je ganz eigenen Absichten und Resultaten.
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br
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| Beide verbindet – im Resultat – auch der Titel „Sohn (eines) Gottes“ – wobei der Weg dorthin formal-räumlich ähnlich bis gleich, inhaltlich aber gegensätlich ist:
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br
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| der eine demonstriert militärische Macht, der andere spricht vom Dienen bis hin zur Lebenshingabe;
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br
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| der eine landet auf dem Gipfel irdischer Macht, der andere wird von staatlicher Macht zum Tod am Kreuz – dem niedrigsten Tod – verurteilt,
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| ist aber gerade so „Sohn (eines) Gottes“ (→ Wort des römischen Hauptmanns in Mk 15,49!).
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h5.card-title Evangelium als Gattung
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h6.card-subtitle.text-muted Das Evangelium nach Markus als „Vita“ Jesu
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p.card-text.mb-0
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| Von seinem grundsätzlichen, oberflächlich betrachteten Aufbau her dürfte das Evangelium nach Markus in der damaligen Welt als „Vita“ wahrgenommen worden sein:
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+footnote("Folgende Auflistung ist entnommen Ebner, Einleitung 169.")
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li
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| Name und Abstammung des Porträtierten werden in der ersten Zeile genannt (Mk 1,1).
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li
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| Im Zentrum stehen die Worte und Taten des Porträtierten (Mk 1-10).
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li
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| Sein Tod und die Umstände, die dazu führten, werden ausführlich geschildert (Mk 11-15).
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li
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| Dass am Todestag der Stundentakt durchgezählt wird, steht in auffälliger Analogie zu den späteren Kaiserviten Suetons.
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p.card-text
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| <q>Viten</q> stellen ein erprobtes, beispielhaftes Lebensmodell vor und wollen zu dessen Nachahmung anregen.
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br
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| Das passt zur Intention des Markus: Der Lebensweg Jesu muss sich auf das Verhalten seiner Nachfolgegemeinschaft auswirken (→ Lehre <q>auf dem Weg</q>).
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p.card-text
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| Inhaltlich steht der Weg Jesu natürlich quer zu dem, was man in der Kaiserzeit an Vorstellungen zu einem beispielhaften Lebensmodell hatte:
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br
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| Markus erzählt von Abstieg und Dienst, nicht von Aufstieg und Herrschen.
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p.card-text.mb-0 Auch die formalen Elemente werden von Markus gedehnt bis umgebogen:
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ul.card-text
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li Die Beschreibung der Herkunft und der Ausbildung ist mit Mk 1,2-3(.4-11) zwar am erwarteten Ort, aber auf ganz eigene Weise dargestellt.
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li Hinweise zur irdischen Herkunft sind eher in das Evangelium gestreut und nicht gerade positiv.
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p.card-text
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b Markus <q>nutzt die sinntragenden Formelemente der <i>Vita</i> zur Legitimierung des widerständigen Lebensmodells Jesu. Er bewegt sich damit im Rahmen der Plausibiltätsmöglichkeiten, die ihm die literarischen Konventionen seiner Zeit bieten.</q>
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+footnote("Ebner, Einleitung 169 (incl. Hervorhebung).")
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p.card-text.small
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i Man beachte allerdings: <q>Vita</q> ungleich <q>Biografie</q> in unserem heutigen Verständnis.
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