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block content
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h1 Verortung
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blockquote.blockquote.mb-3.ml-5
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| Jesus stieg mit seinen Jüngern den Berg hinab.
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br
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| In der Ebene blieb er mit einer großen Schar seiner Jünger stehen und viele Menschen aus ganz Judäa und Jerusalem
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| und dem Küstengebiet von Tyrus und Sidon waren gekommen, um ihn zu hören.
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cite Lk 6,17.(18a)
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h5.card-title Feldrede? – Am Fuße des Berges!
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p.mb-0
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| Die gängige Bezeichnung für diese Predigt Jesu – <q>Feldrede</q> – ist irreführend:
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br
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| Jesus predigt nicht auf einem freien Feld, sondern am Fuße eines Berges, wie durch die einleitende
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| Szenerie mehr als deutlich wird:
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br
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| Jesus steigt zunächst auf einen Berg, um zu beten, dann beruft er auf dem Berg die Zwölf und
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| steigt mit ihnen den Berg hinab, um dort seine Predigt zu halten.
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h5.card-title
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| Am Fuße des Berges
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| Mose-Typologie
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p
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| Diese Verortung der Predigt ist bedacht gewählt: sie lässt ganz bewusst – zwar nonverbal,
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| über für den <i>geschulten</i> Hörer/Leser unüberhörbar – Mose lebendig werden.
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p
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| Von ihm wird nämlich im Buch Exodus (vgl. vor allem Ex 19) immer wieder erzählt, dass er auf den Berg steigt, um
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| Gottes Weisung zu erhalten, dann den Berg wieder hinuntersteigt und dort – also am Fuße des Berges –
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| dem Volk die Weisungen Gottes mitteilt.
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p
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| Dieses Schema ahmt Lukas nach: er erzählt vom Gebet Jesu auf dem Berg – analog zum Weisungenempfangen des Mose –
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| und lässt Jesus dann heruntergehen, um dem Volk die Ordnung des Neuen Bundes zu verkünden.
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p.mb-0
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| Und der Umstand, dass Jesus seine Jünger auf den Berg ruft, um dort die 12 Apostel auszuwählen,
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| hat ein Vor-Bild darin, dass Mose teils mit den 70 Ältesten aus dem Volk auf dem Berg war (Ex 24,1.9).
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h5.card-title Jesus, der neue Mose
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blockquote.blockquote(style="font-size: 100%;").ml-5
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| [Mose spricht zum Volk:]
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br
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q
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| Einen Propheten wie mich wird dir der HERR, dein Gott, aus deiner Mitte, unter deinen Brüdern, erstehen lassen.
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| Auf ihn sollt ihr hören.
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cite Dtn 18,15
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p
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| Diese Prophetie im Buch Deuteronomium war zur Zeit Jesu lebendig (wie auch die Erwartung der Wiederkunft des Elija [
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+symbol("arrow-right")
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| Johannes der Täufer]).
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p.mb-0
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| Bei der Verklärung Jesu (Lk 9,28-36) wird – wie schon in der Vorlage Mk 9,2-8 –
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| neben der Gestalt des Elija die des Mose ausdrücklich eingespielt und auf Dtn 18,15 angespielt:
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blockquote.blockquote(style="font-size: 100%;").ml-5
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p.mb-0
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| Da erscholl eine Stimme aus der Wolke:
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br
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||
q
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| Dieser ist mein geliebter Sohn, <i>auf ihn sollt ihr hören</i>.
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footer.blockquote-footer
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cite Lk 9,35
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p.mb-0
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i
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| Jesus wird – bei der Predigt am Fuße des Berges durch die Szenerie, bei der Verklärung ausdrückich –
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| als <u>neuer Mose</u> gezeichnet, der die Ordnung des Neuen Bundes verkündet
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| und auf den es unbedingt zu hören gilt.
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h1 Seligpreisungen und Weherufe
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blockquote.blockquote.mb-3.ml-5
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p.mb-0
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| Er [= Jesus] richtete seine Augen auf seine Jünger und sagte:
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br
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||
q
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| Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes.
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br
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| Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet gesättigt werden.
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br
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||
| Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen.
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br
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| Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und wenn sie euch ausstoßen und schmähen und euren Namen in Verruf bringen
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| um des Menschensohnes willen.
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| Freut euch und jauchzt an jenem Tag; denn siehe, euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn ebenso haben es ihre Väter
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| mit den Propheten gemacht.
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br
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| Doch weh euch, ihr Reichen; denn ihr habt euren Trost schon empfangen.
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||
br
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| Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern.
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||
br
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||
| Weh euch, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet klagen und weinen.
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||
br
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||
| Weh euch, wenn euch alle Menschen loben. Denn ebenso haben es ihre Väter mit den falschen Propheten gemacht.
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cite Lk 6,20-26
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h5.card-title Unterschiede zu Matthäus
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h6.card-title Anzahl der Seligpreisungen; Weherufe
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p
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| Lukas überliefert 3+1 Seligpreisungen, Matthäus dagegen 9.
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br
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| Diejenigen, die Lukas hat, hat auch Mätthäus, was auf eine gemeinsame Quelle schließen lässt (
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+symbol("arrow-right")
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| Logienquelle Q), die Matthäus ergänzt hat.
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p.mb-0
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| Korrespondierend zu den Seligpreisungen bietet Lukas Weherufe, die bei Matthäus fehlen.
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br
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| Sie verkomplettieren die Umwertung des Ist-Zustandes durch das Reich Gottes.
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.card.slide.mb-1
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h6.card-title Keine Spiritualisierung des Seligpreisungen bei Lukas
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.card-text
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p
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| Matthäus spiritualisiert die Seligpreisungen zum Teil:
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br
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| <q>Selig, die arm sind <i>vor Gott</i> ... Selig, die hungern und dürsten <i>nach der Gerechtigkeit</i></q>.
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p.mb-0
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i Lukas dagegen hat <q>echte</q> (= materiell) Arme, Hungernde und Weinende vor Augen.
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h6.card-title Anredeform vs. Aussageform
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p
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| Lukas spricht die entsprechenden Gruppen – in Heilszuspruch wie Unheilszuspruch – direkt an,
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| Matthäus dagegen nutzt die Aussageform: er benennt Personengruppen mit idealem Verhalten.
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p.mb-0
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| Matthäus stellt also mit seinen Seligpreisungen Personengruppen mit idealem Verhalten vor, ja mahnt dazu,
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| so zu werden;
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br
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||
i
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| Lukas dagegen versteht seine Seligpreisungen und Weherufe als eine Ansage
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||
| aus der Zukunft des Reiches Gottes an die Angeredeten.
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.card.slide.mb-3
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.card-body
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h5.card-title
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q Selig [die] ihr [jetzt] ..., denn ...
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h6.card-subtitle.text-muted.mb-2 Keine Verklärung der Not!
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.card-text
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p.mb-0
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| Jesus preist nicht Arme als Arme, Hungernde als Hungernde, Weinende als Weinende und Verfolgte als Verfolgte selig –
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| das wäre Hohn und Spott –,
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| sondern angesichts dessen, dass ihr Zustand sich zum Gegenteil wenden wird – und zwar, wenn das Reich Gottes kommt:
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br
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||
q
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||
| denn euch gehört das Reich Gottes, ihr werdet gesättigt werden, ihr werdet lachen.
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h5.card-title Selig! – Wehe!
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h6.card-subtitle.text-muted.mb-2 Ansage der Umschichtung durch das kommende Gottesreich
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.card-text
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p.mb-0
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| Die Gegensätze zwischen dem Jetzt-Zustand und dem Zustand im Reich Gottes einerseits,
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| aber auch die Gegensätze zwischen den Personengruppen (Arme – Reiche etc.) haben
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| eine Analogie im Magnifikat:
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blockquote.blockquote(style="font-size: 100%;").ml-5
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p.mb-0
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| Er [= Gott] stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.
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||
br
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||
| Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.
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footer.blockquote-footer
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cite Lk 1,52-53
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p.mb-0
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| Im Magnifikat sowie in den Seligpreisungen und Weherufen kommt die Erwartung zum Ausdruck,
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| dass mit dem Hereinbrechen des Reiches Gottes eine großartige Umschichtung kommen wird:
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| die jetzt Benachteiligten werden gerettet in die Fülle;
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||
| für die, die jetzt in der Fülle leben, kommt das vernichtende Gericht.
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.card.slide.mb-3
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.card-body
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h5.card-title
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||
q Er [= Jesus] richtete seine Augen auf seine Jünger
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h6.card-subtitle.text-muted.mb-2 Richtungsweisende Worte Jesu für Verkündigung und Verhalten der Jünger
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.card-text
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p
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| Jesus spricht mit den Seligpreisungen vor allem die Jünger an.
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br
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| Bei den Weherufen ist zwar mit <q>Weh <i>euch</i>, [die] ihr ...</q> eine Distanz zu den Seliggepriesenen mitzuhören,
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| doch gibt es keinen Adressatenwechsel, der dem <q>Er [= Jesus] richtete seine Augen auf seine Jünger</q>
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| entsprechen würde!
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p
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| Für diese Beobachtung findet man in der Literatur verschiedene Deutungen.
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p
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| Am ehesten wird man sagen können:
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br
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| Besonders die Jünger sind unter diese – Trost wie Gericht zusprechende – Ansage des Reiches Gottes gestellt.
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||
br
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| Und durch die Jünger soll diese Ansage (später) in die Welt dringen.
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||
p
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| Dies gilt nach Ostern in Wort und in Tat. Auch wenn Lukas diese Seligpreisungen und Weherufe zunächst
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| als Ansage von Gott her versteht: wenn Gott das Vorbild im Handeln sein soll (siehe die Feindesliebe!),
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| dann soll doch auch im Leben der Jünger ein besonderer Augenmerk auf die gelegt werden, die so gepriesen werden,
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| und soll sich im eigenen Handeln distanziert werden von denen, die mit dem Wehe belegt werden; insofern es solche
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| auch in der Gemeinde geben wird, sind das mahnende Worte an sie.
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||
p
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| Wichtig ist, den Unterschied zu Matthäus und seinen Seligpreisungen zu sehen:
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| während man nach ihm so werden soll wie die von ihm Seliggepriesenen
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| (arm vor Gott, sanftmütig, nach Gerechtigkeit hundernd und dürstend, barmherzig, im Herzen rein, Frieden stiftend),
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| sind die lukanischen Seligpreisungen eine Ansage des Heils für die Seliggepriesenen.
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br
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| Dieses Verständnis bringt mit sich, dass Armut, Hunger und Weinen für Lukas
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| <i>keine</i> Ideale sind, die man im eigenen Leben anstreben solle, sondern eine Not bezeichnen,
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| der Abhilfe geschaffen werden soll; insofern das Reich Gottes mit Christus schon angebrochen ist,
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| soll dies schon die Realität der Jüngergemeinde prägen: die von Lukas Seliggepriesenen werden sich nicht
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| nur unter Jesu Jüngern zu finden, sie sollen auch Adressaten der Zuwendung durch die (vermögenderen) Jünger sein.
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br
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| Mit dem endgültigen Kommen des Reiches Gottes wird die Not dann tatsächlich <i>umfassend</i> überwunden sein!
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br
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| Dann – erst dann! – wird auch das Gericht über die Reichen und Satten etc. stattfinden.
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||
| Bis dahin bleibt ihnen Zeit der Umkehr (
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+symbol("arrow-right")
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||
| Zachäus).
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||
p
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| In der Apostelgeschichte malt Lukas das Ideal der urkirchlichen Gemeinschaft nicht als materiell absolut arme, Hunger leidende Kirche
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| – natürlich auch nicht als reiche Kirche –,
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| sondern als Gemeinschaft des Teilens bis hin zur Gütergemeinschaft.
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||
p
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| Lukas erzählt zwar im Evangelium vom Ruf Jesu, <i>alles</i> zu verlassen, und er erzählt, wie die Jünger genau dies getan haben;
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| er verstärkt diesen Gedanken, den er schon in seinen Quellen fand, sogar noch.
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br
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||
| Doch Lukas sieht in diesem radikalen Anfang der Jesus-Bewegung nicht mehr ein Modell für seine Zeit, wie die Apostelgeschichte zeigt;
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| vielmehr erzählt er davon aus einem spezifischen Grund.
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br
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||
| Wie die vielen Erzählungen und Gleichnisse zum Thema <q>arm – reich</q> bzw. <q>Reiche – Arme</q> bei Lukas zeigen,
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| gibt es in seiner Gemeinde die Problematik des rechten Umgangs mit Reichtum, dessen Opfer die Armen in der Gemeinde sind.
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br
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| Gerade für die wohlhabenden Mitglieder der Gemeinde erzählt Lukas – als Stachel im Fleisch – vom radikalen Anfang.
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| Gerade für sie sind die Seligpreisungen und Weherufe wichtig als Handlungsimpuls, mit ihrem Reichtum
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| der Gemeinde und gerade den Armen darin zur Seite zu stehen.
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p.mb-0
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| Damit legt das Lukasevangelium indirekt Zeugnis dafür ab, was die Apostelgeschichte ausdrücklich sagt (Apg 17,4; 18,8):
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| dass sich (mittlerweile) auch relativ wohlhabende
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| Menschen der christlichen Gemeinschaft angeschlossen haben.
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br
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| Während diejenigen, die sich von Jesus haben ansprechen lassen, eher aus einfachen bis armen
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||
| Gesellschaftsschichten entstammen, war die Gemeinde nach Ostern auch in diesem Punkt vielfältiger.
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br
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||
| Doch gilt vor wie nach Ostern: Reichtum ist eher ein Hinderungsgrund für echte Nachfolge.
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.card.slide.mb-5
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.card-body
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h5.card-title
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q Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen. – Weh euch, wenn euch alle Menschen loben.
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.card-text
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p
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| In der letzten Seligpreisung geht es nicht um materille Not oder Trauer,
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| sondern um negative Folgen des eigenen Bekenntnisses zu Christus: <q>um des Menschensohnes willen</q>!
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p
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| Im Hintergrund steht die Erfahrung der Ablehnung Jesu bis hin zur Kreuzigung, aber auch der Jünger nach Ostern
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| bis hin zum Synagogenschluss der Christen.
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||
p
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| Diese Seligpreisung will Mut machen im Bekenntnis; sie ruft zur Freude auf angesichts dessen,
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| dass auch schon die Propheten des Alten Testamentes auf Ablehnung gestoßen sind.
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||
p
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| Gegenübergestellt – und den <q>falschen Propheten</q> im Alten Testament gleichgestellt – werden jene, deren Meinung allgemein
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| anerkannt wird.
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p.mb-0
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| So sollten letzte Seligpreisung und letzter Weheruf der Kirche und ihren Gliedern eine Warnung sein,
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| sich nicht einfach einer (gesellschaftlichen) <q>Mehrheits-</q> oder <q>Expertenmeinung</q> anzuschließen:
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br
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| Was zählt ist nicht, was die (gesellschaftliche) Mehrheit sagt oder was hochdotierte <q>Experten</q> sagen,
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||
| sondern was das Evangelium sagt.
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.slide
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h1 Feindesliebe
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blockquote.blockquote.mb-3.ml-5
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p
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| Euch aber, die ihr zuhört, sage ich:
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p.card-text.small
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||
b
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i 1. Strophe: Aufruf zum unbedingten Gutsein gegenüber Mitmenschen: Lohn?
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p
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span.card-text.small
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i Feindesliebe (27b-28)
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br
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| Liebt eure Feinde;
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||
br
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||
| tut denen Gutes, die euch hassen!
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br
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||
| Segnet die, die euch verfluchen;
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||
br
|
||
| betet für die, die euch beschimpfen!
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||
p
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span.card-text.small
|
||
i Verzicht auf Widerstand (29-30)
|
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br
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||
| Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin
|
||
br
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| und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd!
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||
br
|
||
| Gib jedem, der dich bittet;
|
||
br
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||
| und wenn dir jemand das Deine wegnimt, verlang es nicht zurück!
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p.ml-4
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span.card-text.small
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||
i Goldene Regel (31)
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br
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||
| Und wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut auch ihr ihnen!
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p.card-text.small
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||
b
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||
i 2. Strophe: Nachahmung der Sünder oder Nachahmung Gottes? Kein Lohn vs. großer Lohn!
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||
p
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span.card-text.small
|
||
i Nachahmung der Sünder: Kein Lohn (32-34)
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br
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||
| Wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür?
|
||
br
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||
| Denn auch die Sünder lieben die, von denen sie geliebt werden.
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||
br
|
||
| Und wenn ihr denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank erwartet ihr dafür?
|
||
br
|
||
| Das tun auch die Sünder.
|
||
br
|
||
| Und wenn ihr denen Geld leiht, von denen ihr es zurückzubegkomen hofft, welchen Dank erwartet ihr dafür?
|
||
br
|
||
| Auch die Sünder leihen Sündern, um das Gleiche zurückzubekommen.
|
||
p.ml-4
|
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span.card-text.small
|
||
i Nachahmung Gottes: Großer Lohn (35)
|
||
br
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||
| Doch ihr sollt eure Feinde lieben und Gutes tun und leihen, wo ihr nichts zurückerhoffen könnt.
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||
br
|
||
| Dann wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn auch er ist gütig gegen die
|
||
| Undankbaren und Bösen.
|
||
p.card-text.small
|
||
b
|
||
i 3. Strophe: Surfen auf der Welle der göttlichen Barmherzigkeit zum reichen Lohn im Gericht
|
||
p
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||
span.card-text.small
|
||
i Aufruf zur Barmherzigkeit (36)
|
||
br
|
||
| Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!
|
||
p
|
||
span.card-text.small
|
||
i Nicht-Richten und Schuld vergeben um dem Gericht zu entgehen und Schuld erlassen zu bekommen (37)
|
||
br
|
||
| Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden!
|
||
br
|
||
| Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden!
|
||
br
|
||
| Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden!
|
||
p
|
||
span.card-text.small
|
||
i Geben um zu empfangen (38)
|
||
br
|
||
| Gebt, dann wird auch euch gegeben werden!
|
||
br
|
||
| Ein gutes, volles, gehäuftes, überfließendes Maß wird man euch in den Schoß legen;
|
||
br
|
||
| denn nach dem Maß, mit dem ihr messt, wird auch euch zugemessen werden.
|
||
footer.blockquote-footer
|
||
cite Lk 6,27-38
|
||
|
||
.card.slide.mb-3
|
||
.card-body
|
||
h5.card-title Feindesliebe – der <i>dritte</i> Weg
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||
.card-text
|
||
p.mb-0
|
||
| Sieht man von der Kollaboration mit Feinden einmal ab, gibt es für den Umgang mit Feinden
|
||
| letztlich zwei Möglichkeiten:
|
||
ul
|
||
li Sie aktiv bekämpfen.
|
||
li
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||
| Sich passiv den Feinden fügen;
|
||
br
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||
span.small der klassische gewaltlose Widerstand gehört in diese Kategorie.
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p.mb-0
|
||
| Feindes<i>liebe</i> ist dagegen ein aktives Dem-Feind-<i>Gutes</i>-Tun, wie die Beispiele
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||
| in diesem Abschnitt zeigen; es geht nicht nur – aber natürlich auch – um einen provokanten (s. u.)
|
||
| passiven Widerstand, sondern um ein wirkliches <i>Aktiv</i>werden <i>zugunsten des Feindes</i>:
|
||
| Gutes tun, sie segnen, für sie beten etc.
|
||
|
||
.card.slide.mb-3
|
||
.card-body
|
||
h5.card-title Feindesliebe im Alten Testament und in der Umwelt
|
||
h6.card-subtitle.text-muted.mb-2 Was Jesus und sein Gebot unterscheidet
|
||
.card-text
|
||
p.mb-0
|
||
| Im Alten Testament begegnet vereinzelt ein Gebot zur Hilfe gegenüber dem Feind:
|
||
blockquote.blockquote(style="font-size: 100%;").ml-5
|
||
p.mb-0
|
||
| Hat dein Feind Hunger, gib ihm zu essen, hat er Durst, gib ihm zu trinken;
|
||
br
|
||
| so sammelst du glühende Kohlen auf sein Haupt und der HERR wird es dir vergelten.
|
||
footer.blockquote-footer
|
||
cite Spr 25,21
|
||
p
|
||
| Hunger und Durst des Feindes setzten aber eine Schwäche des Feindes voraus:
|
||
| der, der mit seinem Feind Erbarmen haben soll, kann offenbar aus einer Perspektive der Stärke handeln.
|
||
blockquote.blockquote(style="font-size: 100%;").ml-5
|
||
p.mb-0
|
||
| Wenn du dem verirrten Rind oder dem Esel deines Feindes begegnest, sollst du ihm das Tier zurückbringen.
|
||
| Wenn du siehst, wie der Esel deines Feindes unter seiner Last zusammenbricht, dann lass ihn nicht
|
||
| im Stich, sondern leiste ihm Hilfe.
|
||
footer.blockquote-footer
|
||
cite Ex 23,4-5
|
||
p
|
||
| Auch hier befindet sich der Feind jeweils in einer ungünstigen Situation, die man nicht ausnützen darf,
|
||
| über die man sich nicht belustigend erheben darf etc., sondern in der man helfen soll.
|
||
br
|
||
| Auch wenn das hier geforderte Verhalten der Feindesliebe nahe kommt, eine grundsätzliche und allgemein gültige
|
||
| Forderung der Feindesliebe findet sich im Alten Testament nicht.
|
||
p
|
||
| In der Umwelt Israels sieht es ähnlich aus wie in Israel selbst:
|
||
br
|
||
| Dem <i>schwachen</i> bzw. besiegten Feind gegenüber soll man sich nicht mit Strenge, sondern
|
||
| mit Erbarmen verhalten; blinde Rache wird abgelehnt.
|
||
br
|
||
| Wenn von einem positivem Verhalten einem stärkeren Feind gegenüber die Rede ist,
|
||
| dann schwingt mit, dass man sich durch dieses Verhalten davon Vorteile verspricht.
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||
br
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||
| Es gilt das Gesetz der zwischenmenschlichen Gegenseitigkeit.
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p
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||
| Den Sklaven und überhaupt allen Menschen, die wie sie in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen,
|
||
| wird geraten, dass sie Unrecht besser nicht rächen sollen.
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||
| – Da sprechen Hilflosigkeit und Eigennutz, die zu passivem Erdulden führen.
|
||
br
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| Mächtige sollen Milde statt Rache walten lassen und Gegner durch unerwartete Wohltaten positiv beeinflussen –
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||
| hier liegt entweder ein Machtgefälle vor, bei dem aus der Position des Starken agiert werden kann, oder
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||
| eine Taktik im Umgang mit Feinden.
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p.mb-0
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| Jesus unterscheidet sich markant von allen diesen der Feindesliebe nahe kommenden Verhaltensweisen:
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ul
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li Es kann sich beim Feind auch um einen Stärkeren handeln: er schlägt auf die Wange; er kann etwas wegnehmen.
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li
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| Jesus durchbricht die zwischenmenschliche Gegenseitigkeit: man soll den Feind unabhängig von einer möglichen
|
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| bzw. erwarteten Gegenleistung lieben.
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li
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| Jesus ruft aus der Passivität: Er fordert ein <i>aktives</i> positives Verhalten dem Feind bzw. allgemein dem Mitmensch gegenüber.
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p.small
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| Interessant ist, dass Seneca (4 v. - 65 n. Chr.) – ein Philosoph der Stoa –
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||
| in seinem Werk <q>De Beneficiis</q> (<q>Von den Wohltaten</q>)
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| schreiben kann: <q><q>Wenn du die Götter</q> heißt es, <q>nachahmst, dann erweise auch undankbaren Menschen Wohltaten,
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||
| denn auch Verbrechern geht die Sonne auf, auch Seeräubern steht die Meere offen.</q> ... Ein König (!) gibt
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| Ehrungen Würdigen, Geschenke auch Unwürdigen; die öffentliche Getreidezuteilung nehmen so der Dieb
|
||
| wie der Meineidige und der Ehebrecher entgegen ...</q>
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||
| (De benef. IV,26,1; 28,1 [bei Theißen/Merz: Der historische Jesus, 348.]).
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||
br
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||
| Wie bei Jesus begegnet der Gedanke der – offenbar als sinnvoll erachteten – Nachahmung der Götter und
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||
| deren Verhalten zu den Undankbaren bis hin zu den Bösen. Doch ist dieses Vorbild den <i>Mächtigen</i> anempfohlen!
|
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p.small
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||
| Bei Epiktet (50 - 138 n. Chr.) findet sich folgende Forderung an jene, die der philosophischen Richtung der Kynker angehören:
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| <q>Er muss sich treten lassen wie ein Hund und unter den Tritten eben die, welche ihn treten, auch noch liebhaben,
|
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| wie ein Vater von allen, wie ein Bruder</q> (Diss III,22,54 [bei ebd.]).
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br
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||
| Derartige Forderungen, Unrecht nicht zu vergelten und demonstrativ Gutes zu tun gegenüber Unwürdigen und Feinden,
|
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| finden sich bei bei zahlreichen Philosphen, schon bei Sokrates und Plato. Allerdings geht es hier eben
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| um ein Verhalten, das <i>Philosophen</i> nahegelegt wird, nicht um eine Verhaltensweise für alle Menschen.
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p.mb-0
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||
i
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||
| Auch wenn also in der Umwelt Jesu <i>ähnlich</i> gedacht wurde – die jesuanische Radikalisierung zur Feindesliebe
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| als <i><u>allgemeine</u> und <u>unbedingte</u> Forderung</i> bleibt ein Unikum.
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br
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| Sie verlangt gerade auch von einfachen Menschen ein Verhalten, wie es anderswo in der Oberschicht –
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| bei den Mächtigen und den Philosophen – geübt wird bzw. werden sollte.
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br
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||
| Gerade diese einfachen Menschen steigen durch das Aneignen der von Jesus verlangten Feindesliebe
|
||
| quasi zu <q>Söhnen [und Töchtern] des Höchsten</q> auf (Lk 6,35).
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h5.card-title Dreistrophiger Aufbau
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.card.slide.mb-1
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h6.card-title 1. Strophe: Aufruf zum unbedingten Gutsein gegenüber Mitmenschen
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h6.card-subtitle.text-muted.mb-2 Zwischenmenschliche Ebene – an sich unbefriedigend
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.card-text
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p.mb-0
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| Die erste Strophe stellt den Hörer in ein <i>doppeltes</i> Gegenüber:
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ul
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li
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i Gut vs. Böse
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br
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| Man soll jenen, die einem feindschaftlich und böse begegnen, dies nicht <q>heimzahlen</q>
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| sondern ihrer Feindschaft und Bosheit mit aktivem Gutsein begegnen.
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li
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i Reagieren vs. Agieren
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br
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| Man soll nicht nur mit Gutem reagieren (auch im Umgang mit Feinden und Bösen sowie gegenüber jenen, die einen bitten),
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| sondern selber aktiv die Initative ergreifen und zuvorkommend Gutes tun.
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p.mb-0
|
||
| Gerade weil hier die <q>Goldene Regel</q> aufgegriffen ist, stellt sich die Frage nach dem Lohn
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||
| des Gutseins – weiß man doch wohl aus eigenem Erleben, dass die Gültigkeit dieser <q>Regel</q>
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||
| allzu oft ein Wunschtraum ist.
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br
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||
| Damit steht unausgesprochen die Frage im Raum, was ich selbst von einem solchen Verhalten tatsächlich haben soll,
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| zumal das unbedingt geforderte aktive Gutsein zu Feinden und Bösen eine ungeheuerliche Herausforderung ist.
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.card.slide.mb-1
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||
h6.card-title 2. Strophe: Nachahmung der Sünder oder Nachahmung Gottes?
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h6.card-subtitle.text-muted.mb-2 Aufbrechen der zwischenmenschlichen Gegenseitigkeit durch Gottes Güte und <i>seinen</i> Lohn
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.card-text
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p
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| Die zweite Strophe erscheint wie eine Antwort auf die unausgesprochene Frage der ersten.
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br
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| Dazu bringt sie Gott und seinen Lohn ins Spiel, zusammen mit Gottes Güte.
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||
p
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||
| Der Hörer wird in einen (einfachen) Gegensatz gestellt: den zwischen Gott und dem Sünder – verbunden mit der Frage:
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||
| wen will er nachahmen?
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||
br
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| Gekonnt ist der Hörer, der Aufruf an ihn und die Lohnesverheißung
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||
| zwischen das Verhalten der Sünder und das Verhalten Gottes gesetzt, mit der Lohnesverheißung auf der Seite Gottes.
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p
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||
| Das Verhalten des Sünders wird als berechnendes, auf Gegenseitigkeit bedachtes Handeln beschrieben.
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||
| Es ist davon geprägt, dass man quitt sein will: alles soll genau vergolten werden.
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||
br
|
||
| Gerade weil aber alles vergolten ist, wird es keinen <q>Dank</q> mehr geben.
|
||
br
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||
| Was mit diesem <q>Dank</q> gemeint ist, wird durch den zweiten Teil der Strophe deutlich:
|
||
| es geht um den (endzeitlich-jenseitigen) Lohn durch Gott. Und den gibt es nur für nicht schon
|
||
| auf Erden vergoltenes Gutsein.
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||
p
|
||
| Das Verhalten Gottes dagegen ist von seiner großzügigen Güte geprägt, die auch den Undankbaren und Bösen
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||
| gilt. Genauso soll sich auch der Hörer verhalten: Er soll in seinem Verhalten Gott nachahmen!
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||
p
|
||
| Für diese <q>imitatio dei</q> winkt dann der (endzeitlich-jenseitige) <q>große Lohn</q>,
|
||
| ja die Verheißung <q>Söhne [und Töchter] des Höchsten</q> zu sein.
|
||
p.mb-0
|
||
| So erscheint das von Jesus geforderte Verhalten einerseits motiviert durch die Abgrenzung von den Sündern,
|
||
| andererseits durch den Blick auf Gott: Gottes Güte soll die Menschen prägen im Sinne der
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||
| <q>imitatio dei</q>; und denen, die sich darauf einlassen, winkt der große endzeitlich-jenseitige Lohn.
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||
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.card.slide.mb-1
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.card-body
|
||
h6.card-title 3. Strophe: Surfen auf der Welle der göttlichen Barmherzigkeit zum reichen Lohn im Gericht
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h6.card-subtitle.text-muted.mb-2 Gottes in die Welt drängende Barmherzigkeit
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.card-text
|
||
p
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||
| Auffällig ist, dass die dritte Strophe keinerlei Gegensätze mehr enthält:
|
||
| sie ist ganz von der von Gott ausgehenden, den Menschen in seinem Verhalten ergreifen wollende
|
||
| Barmherzigkeit geprägt, die dem von ihr ergriffenen Menschen dann im (endzeitlich-jenseitigen) Gericht Gottes
|
||
| den überreichen Lohn bringen wird.
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||
p
|
||
| Konkret geht es – als gelebte Barmherzigkeit – in dieser Strophe darum, nicht über andere Menschen zu richten und sie
|
||
| nicht zu verurteilen; das wird gegebenenfalls Aufgabe Gottes im Gericht sein.
|
||
br
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||
| Mehr noch, statt zu richten und zu verurteilen soll Schuld vergeben werden – mit der Verheißung, selber
|
||
| Gericht und Verurteilung durch Gott zu entgehen und dass eigene Schuld von Gott vergeben werden wird.
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||
p
|
||
| Der Aufruf zum barmherzigen Umgang mit Schuld – die aus zwischenmenschichen Beziehungen durch Vergebung
|
||
| weggestrichen werden soll – wird ergänzt durch den Aufruf, zu geben – also Gutes in die zwischenmenschlichen
|
||
| Beziehungen einfließen zu lassen –; dieser Aufruf mündet schließlich in die Verheißung übergroßen Lohnes für derartiges Verhalten.
|
||
p
|
||
| Der letzte Satz (<q>Mit dem Maß, mit dem ihr zumesst, wird auch euch zugemessen werden</q>)
|
||
| hat eine gewisse Parallele zum letzten Satz der ersten Strophe
|
||
| (<q>Und wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut auch ihr ihnen!</q>):
|
||
| beide können als Aufruf gelesen werden, viel Gutes zu tun in der hoffenden Erwartung bzw. mit der Verheißung,
|
||
| viel Gutes zurückzubekommen. Dabei liegt in der ersten Strophe der Akzent auf dem Aufruf,
|
||
| in der dritten Strophe der Akzent auf dem verheißenen Lohn.
|
||
br
|
||
| Gerade der Gedanke des Lohnes ist jetzt aber im Vergleich zur ersten Strophe von Gottes Gericht her auf eine andere Ebene gehoben,
|
||
| und man kann den Schlusssatz des ersten Abschnittes umformulieren und mit dem Schlussatz des dritten ergänzen:
|
||
blockquote.blockquote(style="font-size: 100%;").ml-5
|
||
p.mb-0
|
||
i
|
||
| Wie ihr wollt, dass euch Gott einst im Gericht tun soll, das tut jetzt euren Mitmenschen!
|
||
br
|
||
| Und tatsächlich: mit diesem Maß, mit dem ihr euren Mitmenschen zumesst, wird auch euch von Gott zugemessen werden.
|
||
p
|
||
| Damit ist die in der ersten Strophe aufgeworfene Frage nach dem Lohn für das unbedingte Gutsein
|
||
| definitiv beantwortet.
|
||
p
|
||
| So begegnet hier die herausfordernde Einladung, sich von Gottes Güte und Barmherzigkeit anstecken zu lassen,
|
||
| in der Erwartung nicht von menschlicher Gegenleistung – womit das getane Gute ja schon abgerechnet wäre –,
|
||
| sondern in der Erwartung, <i>von Gott</i> ein <q>gutes, volles, gehäuftes, überfließendes Maß</q> zu erhalten
|
||
| für das Überfließen dessen, was ich an Gutem meinen Mitmenschen gegenüber getan habe – gerade den Bösen und Feinden und jenen,
|
||
| von denen ich nichts zurückerwarten kann.
|
||
p.mb-0
|
||
| In der Konsequenz dieser Gedanken liegt, dass die Grenzen abgeschlossener, auf Gegenseitigkeit beruhender
|
||
| Beziehungen und Gruppen aufgebrochen werden zu einer nach außen hin wirkenden und überfließenden Güte und Barmherzigkeit,
|
||
| zu einem neuen wahrhaft mitmenschlichen, alle nur denkbaren Grenzen durchbrechenden Miteinander
|
||
| – nicht zuletzt auch mit den Armen, Hungernden und Weinenden der Seligpreisungen.
|
||
br
|
||
| Aber auch die mit dem Wehe belegten Personenkreise – die man besonders aus der Perspektive
|
||
| der Seliggepriesenen als Feinde und Böse bezeichnen könnte – sind integriert in die Forderung
|
||
| nach Güte und Barmherzigkeit: jetzt ist nicht Zeit des Gerichtes, sondern Zeit zur Vergebung.
|
||
| Das Gericht ist Sache Gottes und Sache der Zukunft des endgültigen Kommens des Reiches Gottes
|
||
| in seiner ganzen – rettenden oder eben richtenden – Fülle.
|
||
|
||
|
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.card.slide.mb-3
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||
.card-body
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||
h5.card-title Die drei Bausteine der Forderung der Feindesliebe
|
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.card.slide.mb-1
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||
.card-body
|
||
h6.card-title Die Nachahmung Gottes
|
||
h6.card-subtitle.text-muted.mb-2 Aufbrechen der Beziehung zwischen Gott und Mensch auf den Mitmenschen hin
|
||
.card-text
|
||
p
|
||
| Grundlegend ist die Vorstellung, dass der Mensch nach Gen 1,26-28 <q>als Abbild Gottes</q> geschaffen ist.
|
||
| Das ist weniger statisch als vielmehr funktional gedacht: der Mensch als
|
||
| ‚wandelnde und handelnde Götterstatue‘.
|
||
p
|
||
| Beim Sabbatgebot mit seiner doppelten Begründung ist die Nachahmung Gottes deutlich ausgedrückt:
|
||
| Wie Gott nach der Schöpfung am siebten Tag ruhte, soll auch der Mensch am siebten Tag ruhen (Ex 20,8-11);
|
||
| wie Gott sein Volk aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat, so soll am Tag des Sabbat
|
||
| Befreiung von jeglicher Arbeit herrschen (Dtn 5,12-15).
|
||
br
|
||
| Bemerkenswert ist nun, dass dieser zentrale wöchentliche Feiertag nicht nur das Moment der dankbaren
|
||
| Erinnerung beinhaltet, sondern auch eine unübersehbar soziale Komponente hat: <i>auch dem Sklaven</i>
|
||
| soll am Sabbat Ruhe ermöglicht werden, ebenso <i>dem Fremden</i>;
|
||
| ja sogar das Tier ist in die umfassende Ruhe eingeschlossen.
|
||
br
|
||
| Damit wird das Geschehen der Befreiung aus Ägypten – das in der <q>Überschrift</q> der Zehn Weisungen
|
||
| prominent angesprochen ist – nicht nur erinnert, sondern vollzogen: <i>nachgeahmt</i>.
|
||
p.mb-0
|
||
| In diesem Kontext von besonderer Bedeutung ist das Nacheinander (bzw. Nebeneinander) der Psalmen 111 und 112:
|
||
blockquote.blockquote(style="font-size: 100%;").ml-5
|
||
p.mb-0
|
||
| <i>Der HERR ist gnädig und barmherzig.</i>
|
||
br
|
||
| Speise gab er denen, die ihn fürchten, seines Bundes gedenkt er auf ewig.
|
||
footer.blockquote-footer
|
||
cite Ps 111,4b-5
|
||
blockquote.blockquote(style="font-size: 100%;").ml-5
|
||
p.mb-0
|
||
| <i>Gnädig und barmherzig ist der Gerechte.</i>
|
||
br
|
||
| Glücklich ein Mann, der gnädig ist und leiht ohne Zinsen, der nach dem Recht das Seine ordnet.
|
||
footer.blockquote-footer
|
||
cite Ps 112,4b-5
|
||
p
|
||
| Es ist deutlich, dass <q>der Gerechte</q> in seinem Verhalten Gott selbst nachgebildet ist.
|
||
p.mb-0
|
||
| Gerade von der Verbindung dieser beiden Psalmen her ist es ein kurzer Weg zur Weisung Jesu:
|
||
blockquote.blockquote(style="font-size: 100%;").ml-5
|
||
p.mb-0
|
||
i Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!
|
||
footer.blockquote-footer
|
||
cite Lk 6,36
|
||
p.mb-0
|
||
| Insofern mit dem Erinnern an Gottes Heilstaten, seine Güte und Barmherzigkeit der Gedanke der Nachahmung Gottes
|
||
| verbundet ist,
|
||
| ist das <i>Verhältnis zwischen Gott und Mensch aufgebrochen auf den Mitmenschen hin:</i>
|
||
br
|
||
i
|
||
| Die adäquate Antwort auf erfahrens Heil durch Gott ist nicht nur der Dank gegenüber Gott (Loben, Preisen, Anbeten),
|
||
| sondern auch, dass man Gott im Verhalten zu den Mitmenschen nachahmt, sich verhält wie Gott.
|
||
.card.slide.mb-1
|
||
.card-body
|
||
h6.card-title Der (endzeitlich-jenseitige) Lohn Gottes
|
||
h6.card-subtitle.text-muted.mb-2 Aufbrechen der Beziehung zwischen Mensch und Mensch von Gott her und auf Gott hin
|
||
.card-text
|
||
p
|
||
| Unübersehbar ist, dass Jesus zwar eine unbedingte Liebe zum Mitmensch fordert, die unabhängig ist von dem,
|
||
| was man durch das Gegenüber erlebt hat oder von ihm erwarten kann,
|
||
| aber dass Jesus doch auch vom Lohn für ein solches Verhalten spricht – aber es ist der Lohn Gottes,
|
||
| der hier in Aussicht gestellt wird.
|
||
p
|
||
| Schon lange vor Jesus hatte man sich Gedanken darüber gemacht, dass der sogenannte <q>Tun-Ergehen-Zusammenhang</q>
|
||
| im Laufe eines irdischen Lebens nicht immer aufgeht: Menschen tun Gutes – aber leiden; Menschen tun Böses –
|
||
| aber es geht ihnen gut und sie scheinen ungestraft davonzukommen.
|
||
br
|
||
| Dieses Erleben führte – neben anderen Dingen – zur <q>Geburt des Jüngsten Gerichtes</q>: Gott wird für einen Ausgleich
|
||
| sorgen! Er wird – im Nachhinein – das Leben eines guten Menschen <q>entlohnen</q> und den Bösen bestrafen.
|
||
p
|
||
| Bereits mit diesem Gedanken ist die unmittelbare Gegenseitigkeit menschlicher Interaktionen aufgebrochen
|
||
| von Gott her bzw. auf Gott hin: durch seinen endzeitlich-jenseitigen Lohn ist der, der seinen Mitmenschen
|
||
| gütig, barmherzig etc. begegnet, nicht der Dumme – auch wenn er es in den Augen der Welt sein mag,
|
||
| weil er im irdischen Dasein nichts davon hat.
|
||
p
|
||
| Was ursprünglich als Trost gedacht war für im irdischen Leben zu kurz gekommene Gerechte,
|
||
| das wendet Jesus zu einer Grundlage seiner Forderung: Wenn es letztlich darauf ankommt,
|
||
| was von Gott her – in seinem Gericht – gilt, was ich <i>dann</i> von meinem Verhalten als Lohn habe,
|
||
| dann kann ich absolut vernachlässigen, was ich <i>jetzt</i> durch mein Verhalten an Gutem zurückbekomme:
|
||
| ich kann einfach gut sein.
|
||
p
|
||
| Mehr aber noch, denn Jesus spitzt sogar noch zu:
|
||
br
|
||
| Wenn man im zwischenmenschlichen Bereich quitt ist, dann ist kein Dank im Sinne des endzeitlich-jenseitigen Lohnes
|
||
| durch Gott mehr zu erwarten! Das entspricht ganz der ursprünglichen
|
||
| Vorstellung des Lohnes durch Gott: Ausgleich für das, was auf Erden nicht schon ausgeglichen wurde.
|
||
br
|
||
| Es gilt also, einen <i>Überschuss</i> an Gutem zu produzieren, der noch nicht <q>abgerechnet</q> ist durch
|
||
| innerweltliche Gegenseitigkeiten!
|
||
p
|
||
| Zusammengefasst lässt sich sagen:
|
||
br
|
||
i
|
||
| Ich bin <u>gar nicht darauf angewiesen</u>, vom Mitmenschen etwas ‚zurückzubekommen‘,
|
||
| weil ich alles von Gott erwarten kann.
|
||
br
|
||
| Ja weil ich von Gott ein <q>gutes, volles, gehäuftes, überfließendes Maß</q> erwarten kann,
|
||
| bin ich eingeladen, dies auch das Maß an Gutem gegenüber meinen Mitmenschen sein zu lassen:
|
||
br
|
||
| Nicht nur quitt sein, sondern einen noch nicht abgerechneten <i>Überschuss</i> haben!
|
||
br
|
||
span.small
|
||
q Denn nach dem Maß, mit dem ihr messt, wird auch euch zugemessen werden.
|
||
p.mb-0
|
||
| In letzter Konsequenz führt dies dazu, dass der Gedanke der zwischenmenschlichen Gegenseitigkeit
|
||
| – sowohl in Form von erwartetem Lohn, als auch in Form von (negativer) Vergeltung –
|
||
| als Triebfeder für das eigene Handeln komplett aufgehoben und zurückgewiesen wird;
|
||
| ich darf bzw. soll alles dem endzeitlichen Gericht Gottes überlassen – und selber nach
|
||
| dem in Aussicht gestellten Maß handeln: über die Maßen gut sein.
|
||
|
||
.card.slide.mb-1
|
||
.card-body
|
||
h6.card-title Die Feindesliebe Gottes
|
||
h6.card-subtitle.text-muted.mb-2 Gottes zuvorkommend-großzügige Güte und Barmherzigkeit
|
||
.card-text
|
||
p
|
||
| Das alttestamentlich Gottesbild ist vielfältig. Natürlich ist es auch Gottes Aufgabe,
|
||
| zu strafen und zu richten: seine Feinde bzw. jene, die sein erwähltes Volk bedrohen.
|
||
br
|
||
| Gott wird – von seinem Volk als Ganzem wie von Einzelnen – um Hilfe vor Feinden angerufen und es
|
||
| ist auch von Feinden Gottes die Rede.
|
||
br
|
||
| Kurzum: Es lassen sich viele Stellen finden, die offensichtlich das Gegenteil von <q>Feindesliebe Gottes</q> bezeugen.
|
||
p
|
||
| Und doch, fragt man das Alte Testament nach den <q>Weseneigenschaften</q> Gottes, erhält man dies als Antwort:
|
||
blockquote.blockquote(style="font-size: 100%;").ml-5
|
||
p.mb-0
|
||
| Der Herr ging vor seinem [= des Mose] Angesicht vorüber und rief:
|
||
br
|
||
q
|
||
| Der HERR ist der HERR, ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue:
|
||
| Er bewahrt tausend Generationen Huld, nimmt Schuld, Frevel und Sünde weg,
|
||
br
|
||
| aber er spricht nicht einfach frei, er sucht die Schuld der Väter bei den Söhnen und Enkeln heim,
|
||
| bis zur dritten und vierten Generation.
|
||
footer.blockquote-footer
|
||
cite Ex 34,6-8
|
||
p
|
||
| Voraus geht die Erzählung vom Goldenen Kalb – also der Bundesbruch durch das Volk –, Kontext ist die Erneuerung
|
||
| des Bundes zwischen Gott und seinem Volk.
|
||
br
|
||
i Hier wird überdeutlich, dass das Volk Gottes aus dem überfließenden Reichtum von Gottes Gnade und Barmherzigkeit lebt.
|
||
p
|
||
| Freilich ist ebenso von Vergeltung durch Gott die Rede, aber auch bei Jesus ist der Gedanke des Gerichtes
|
||
| präsent (
|
||
+symbol("arrow-right")
|
||
| Weherufe!). Und die Strophen zwei und drei leben vom künftigen Gericht Gottes. So ist bei Jesus das
|
||
| Gericht Gottes nicht aufgehoben, sondern nur aufgeschoben.
|
||
p.mb-0
|
||
| Von besonderer Wichtigkeit im Hinblick auf die <q>Wesenseigentschaften</q> Gottes
|
||
| ist die theologische Aufarbeitung des Exils in Babylon (6. Jhdt. v. Chr.):
|
||
br
|
||
| Das Exil wurde als Folge der Treulosigkeit des Volkes gegenüber Gott gewertet, als Strafe Gottes,
|
||
| der seinen Zorn über sein Volk ausgießt.
|
||
br
|
||
| Dass das Exil zu einem Ende kam und Israel wieder heim durfte, das wurde dem gnadenhaften Wirken Gottes
|
||
| zugeschrieben, der seine Abneigung gegenüber Israel überwindet aufgrund seines Erbarmens
|
||
| (und des Versprechens gegenüber den Urahnen Israels bzw. der Treue zu seinem Namen):
|
||
blockquote.blockquote(style="font-size: 100%;").ml-5
|
||
p.mb-0
|
||
| Jakob, du hast mich nicht gerufen, Israel du hat dir mit mir keine Mühe gemacht.
|
||
br
|
||
| Nein, du hat mich mit deinen Sünden geknechtet, mir Mühe gemacht mit deinen Vergehen.
|
||
br
|
||
| Ich, ich bin es, der deine Vergehen wegwischt um meinetwillen, deiner Sünden gedanke ich nicht mehr.
|
||
br
|
||
| Lade mich vor, gehen wir miteinander ins Gericht; zähl auf, du, damit du Recht bekommst!
|
||
| Schon dein Urahn hat gesündigt; deine Anführer haben sich gegen mich aufgelehnt.
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||
footer.blockquote-footer
|
||
cite Jes 43,22.24a-27
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p.mb-0
|
||
| Gepriesen wird gerade das <i>zuvorkommende</i> Heilshandeln Gottes, das Umkehr nach sich ziehen soll:
|
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blockquote.blockquote(style="font-size: 100%;").ml-5
|
||
p.mb-0
|
||
| Ich habe weggewischt deine Vergehen wie ein Wolke
|
||
| und deine Sünden wie Nebel. <i>Kehr um zu mir; denn ich habe dich erlöst.</i>
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footer.blockquote-footer
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cite Jes 43,22.24a-27
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||
p.mb-0
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||
| Auch wird generell die Güte Gottes gegenüber dem (umkehrenden) Sünder gepriesen bzw. erbeten:
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blockquote.blockquote(style="font-size: 100%;").ml-5
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p.mb-0
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| Gedenke nicht meiner Jugendsünden und meiner Frevel! Nach deiner Huld gedenke meiner, HERR, denn du bist gütig!
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br
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||
| Der HERR ist gut und redlich, darum weist er Sünder auf den rechten Weg. ...
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br
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||
| Um deines Namens willen, HERR, vergib meine Schuld, denn sie ist groß!
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footer.blockquote-footer
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cite Ps 25,7-8.11; vgl. auch Ps 32, Ps 51.
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| Würdest du, HERR, die Sünden beachten, mein Herr, wer könnte bestehen?
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br
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| Doch bei dir ist Vergebung, damit man in Ehrfurcht dir dient. ...
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br
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| Ja, er wird Israel erlösen von all seinen Sünden.
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cite Ps 130,3-4.8
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//- | Im Hinblick gerade auf die Psalmen muss man unterscheiden:
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//- li
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//- | Da gibt es die Frevler/Böse/Feinde,
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//- | die in ihrer Bosheit/Sünde/Feindschaft
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//- | verharren – sie werden als Gegenüber auch Gottes gezeichnet mit der Bitte an Gott, vor ihnen bewahrt und beschützt zu werden
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//- | bis hin zu deren Vernichtung.
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//- li
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//- | Und dann gibt es jene, die zwar sündigen, zum Teil sogar große Schuld auf sich geladen haben,
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//- | sich aber – nicht zuletzt dann durch die Vergebung Gottes – doch im Bund mit Gott wissen. Gottes gnädiges handeln an ihnen
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//- | wird als Auswirkung sowohl von Gottes Bundestreue als auch des grundsätzlichen Willen zum Guten beim betreffenden Menschen
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//- | betrachtet.
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//- p
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//- | Versteht man den Sünder als Feind Gottes, gibt es also quasi Feinde verschiedenen Grades;
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//- | eine <i>umfassende</i> Feindesliebe gibt es aber nicht, weder bei Gott, noch als Forderung an den Menschen.
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| Jesus kann sich also auf die breite Bezeugung des Alten Testamentes stützen,
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| wenn er Gottes Barmherzigkeit und Gnade/Güte als die grundlegenden <q>Wesenseigenschaften</q>
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| Gottes herausstellt, die es nachzuahmen gilt:
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| Ihr sollt eure Feinde lieben und Gutes tun und leihen, wo ihr nichts zurückerhoffen könnt. ...
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br
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| Denn auch er [= <u>Gott</u>] <u>ist <b>gütig</b> gegen die Undankbaren und Bösen</u>.
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br
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| Seid barmherzig, wie auch euer <u>Vater <b>barmherzig</b></u> ist!
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cite Lk 6,35-36
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| Dass Jesus hier wahrscheinlich weisheitlich-schöpfungstheologisch gedacht haben wird,
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| das zeigt die Parallele im Matthäus-Evangelium:
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| Er [= Gott] lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten
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br
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| und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.
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cite Mt 5,45
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p
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| Grundsätzlicher kann man nicht mehr denken und die Feindesliebe Gottes als allgemeines Prinzip
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| des Handelns Gottes ausdrücken:
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br
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i Die Feindesliebe Gottes ist täglich neu verifizierbar!
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br
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| Ein Gedanke, der allerdings nicht nur bei Jesus begegnet, sondern bereits vor und neben ihm;
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| siehe oben Seneca.
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| Die Ausführungen Jesu machen klar:
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br
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| Jesus trennt – wie schon bei den Seligpreisungen und Weherufen –
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| <i>Jetzt</i> [= irdisches Leben] und <i>Dann</i> [= Gericht bzw. endgültiges Kommen des Reiches Gottes]:
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br
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| Jesus verschiebt den Gedanken des richterlichen – strafenden und belohnenden – Eingreifens Gottes
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| ganz in die Zukunft auf das endzeitliche Gericht Gottes
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| und sieht die <i>jetzige Zeit radikal</i> als <i>Zeit der Barmherzigkeit Gottes und seiner Umkehr ermöglichenden Feindesliebe</i>.
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| Auf dieser Basis fordert Jesus seine Hörer auf, sich von diesem Verhalten Gottes anstecken zu lassen.
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br
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| Auch wenn Gott also unabhängig von einer positiven Antwort des Menschen gnädig und barmherzig ist,
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| so hat sein Handeln doch ein konkretes Ziel: dass es die Menschen ihm gleich tun!
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br
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| Gerade in diesem Nachvollziehen der Feindesliebe und Güte Gottes werden sie zu
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| <q>Söhnen [und Töchtern] des Höchsten</q>.
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h5.card-title Feindesliebe: logische Konsequenz aus dem Gottesbild Jesu
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| Nimmt man die drei Bausteine der Forderung der Feindesliebe zusammen, erscheint diese Forderung als logische Konsequenz.
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br
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| Sie ist es aber nur, wenn man die Radikalisierung Jesu im Gottesbild und auch das Denken auf den zwei Ebenen
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| (jetzt/irdische Welt; dann/Gericht Gottes an der Schwelle zum endgültigen Kommen des Reiches Gottes) mitvollzieht.
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p
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| Auf der Grundlage der drei Bausteine bricht Jesus die berechnende zwischenmenschliche Gegenseitigkeit auf
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| und stellt den Menschen ins Angesichts des barmherzigen und gütigen Gottes und seines endzeitlich-jenseitigen Lohnes.
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p
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| Von Gott geht auch die Initative aus: Seine – täglich erlebbare! – Feindesliebe
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| soll zur eigenen Feindesliebe ermutigen, ja fordert dazu auf.
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p
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| In diesem Sinne ist auch die <q>Goldene Regel</q> zu verstehen: Der Akzent liegt nicht auf der (zwischenmenschlichen)
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| Gegenseitigkeit, sondern darauf, die Initiative zu ergreifen, von sich aus Gutes zu tun. – Und in Verbindung mit der
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| dritten Strophe ist sie modifiziert.
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p
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| Gottes Verhalten soll als Impuls und Auftrag verstanden werden, selber so wie Gott – eben: zuvorkommend-großzügig barmherzig
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| und gütig – am Mitmenschen zu handeln, ja sogar und gerade am Feind und an dem, von dem ich nichts erwarten kann.
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p
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| Da, wo in der 3. Strophe von Gegenseitigkeit die Rede ist, ist die zwischenmenschliche Ebene der Jetzt-Zeit
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| mit der (endzeitlichen) Ebene Gott – Mensch verbunden:
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| Der, der zurückgeben bzw. zurückvergeben wird, ist nicht ein Mensch, sondern Gott, und zwar im Gericht.
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p
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| So ergibt sich als Schema:
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br
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| Gott ist zuvorkommend-großzügig barmherzig und gütig – auch gegenüber Undankbaren und Bösen (<q>Feinden</q>)
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br
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+symbol("arrow-right")
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| Der Mensch soll zuvorkommend-großzügig barmherzig und gütig sein – auch gegenüber seinen Feinden und zu jenen, von denen er nichts erwarten kann, genau wie es Gott ist
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br
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+symbol("arrow-right")
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| <i>Gott</i> wird das an ihm selbst Maß nehmende Verhalten übergütlich <q>vergelten</q> – man <i>braucht</i> also
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| gar nichts vom Mitmenschen erwarten/erhoffen!
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p.mb-0
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| Die Feindesliebe, wie Jesus sie vorstellt, ist ganz von Gott her gedacht, aber auch auf Gott hin:
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| er gibt mit seinem eigenen Verhalten den Anstoß; bei ihm – in <i>Gottes</i> <q>Zurückmessen</q> –
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| bekommt das menschliche Verhalten seinen <q>Lohn</q>.
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br
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| Dadurch wird das Vergeltungs- und Lohndenken im zwischenmenschlichen Bereich letztlich komplett ausgeschaltet;
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| was dagegen bleibt, ist das Angestiftetsein zum Guten – durch Gott bzw. durch Mitmenschen.
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h5.card-title Jesu Feindesliebe am Kreuz: Beispiel für seine Jünger
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| Am Kreuz – so erzählt Lukas – praktiziert Jesus selbst die Feindesliebe: Er betet für seine Feinde!
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| Das Gleiche wird Stephanus, der erste Märtyrer der Christenheit, bei seiner Steinigung tun (Apg 7,54-8,1a [7,60!]).
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h5.card-title Gottes Feindesliebe im Kreuz Jesu
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| Wiewohl die Feindesliebe als Forderung Jesu sicher
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| auf den historischen Jesus zurückgeht, bekommt sie durch das Kreuz Jesu eine besondere Note.
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br
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| Paulus kann in Röm 5,1-11 schreiben:
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blockquote.blockquote(style="font-size: 100%;").ml-5
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| Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin,
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| dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. ...
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br
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| Da wir mit Gott versöhnt wurden
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| durch den Tod seines Sohnes, als wir noch <i>Gottes Feinde</i> waren, ...
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footer.blockquote-footer
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cite Röm 5,8.10
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p
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| Dieser Abschnitt wird mit Recht unter dem Titel <q>Rechtfertigung des Gottlosen</q> geführt.
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p
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| Das Kreuz kann als Inbegriff der Feindesliebe Gottes gelten, die
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| allem menschlichen Tun zuvorkommt.
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p.mb-0
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| Dadurch ist auch das alte Do-ut-des-Denken überholt.
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br
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| Nicht: der Mensch gibt (<q>Opfer</q>), damit Gott gibt;
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| sondern: Gott hat gegeben, damit der Mensch gibt – aber nicht (nur) ihm (Gott), sondern seinen Mitmenschen!
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h5.card-title Verzicht auf Widerstand mit Hintergedanke
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| Schon in Spr 25,21-22 begegnet der Gedanke, dass das gütige Verhalten dem Feind gegenüber <q>glühende Kohlen</q>
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| auf dessen Haupt legt: Es kann Ärgernis oder gar Grund zum Umdenken sein, so dass die Feindschaft endet
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| und vielleicht sogar Freundschaft entsteht.
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p.mb-0
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| Auch der von Jesus geforderte Verzicht auf Wiederstand (29-30) ist nicht ein passives Hinnehmen, sondern
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| ein aktives auf den Feind Einwirken, ja ein ihn Provozieren. Das soll dem Feind die Augen öffnen für das,
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| was er an Unrecht tut, und ihn zu einem Nachdenken bringen.
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h5.card-title Feindesliebe – wirklich lebbar?
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| Über die Feindesliebe und ihre tatsächliche Lebbarkeit wurde viel geschrieben.
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p
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| Klar sind die theologischen Prämissen, die Jesus von seinem Gottesbild ausgehend diese Forderung haben
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| formulieren lassen.
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p
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| Klar ist auch, dass Jesus in einer Zeit relativen Friedens gelebt hat: die Römer waren zwar als Besatzungsmacht
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| im Lande, was vielen nicht passte, aber es herrschte kein Krieg.
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br
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||
| Auch als Lukas sein Evangelium schreibt, herrscht im Großen und Ganzen Friede.
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p
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| Aber die Zeit Jesu war auch geprägt von den Aufständen der Zeloten gegen die römische Besatzungsmacht,
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| und Lukas schaut auf den nicht zuletzt dadurch entstandenen jüdisch-römischen Krieg zurück.
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br
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| Jesu Programm der Feindesliebe ist ein – theologisch begründetes! – Gegenprogramm zu den militanten
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| Aufständen der Zeloten, die ihrerseits ihr Handeln theologisch begründeten.
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| Allen, die die <q>Feinde</q> nicht passiv ertragen, sich nicht einfach geschlagen geben wollten, bot
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| Jesus eine friedliche Lösung an, aktiv zu werden. Darin liegt die Stärke der Feindesliebe.
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p
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| In der Theologiegeschichte sind immer wieder auch die Grenzen der Feindesliebe deutlich geworden.
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| Sie offenbaren sich, sobald der zwischenmenschliche Bereich verlassen wird und staatlich-völkische Dimensionen
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| in Spiel kommen: wenn es nicht nur um das persönliche Verhalten von Nicht-Soldaten geht, sondern um
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| den Umgang mit ganze Menschengruppen bedrohenden Situationen (Krieg).
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p
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| Jesu verpflichtendes Gebot der Feindesliebe ist und bleibt gerade als christliches Spezifikum
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| Stachel im Fleisch aller, die als Christen über rechte Reaktionen auf Bedrohungen und Feindschaften aller Art nachdenken.
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br
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| Auch wenn sie nicht immer und überall gelebt werden kann, sie muss doch Grund sein,
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||
| darüber nachzudenken, wie dem Kreislauf der Gewalt entkommen werden kann.
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p.mb-0
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||
| Nicht zu vergessen ist aber, dass die Aussagen, die Jesus im Kontext der Feindesliebe macht,
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| auch ohne Zuspitzung auf die <i>Feindes</i>liebe ihren Wert und ihre Bedeutung haben.
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br
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| Gerade das Aufbrechen der zwischenmenschlichen Gegenseitigkeit durch Lohn und Strafe durch Gott
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| kann ein Impuls sein, im zwischenmenschlichen Bereich nicht alles aufzurechnen,
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||
| ein Engagement nicht danach zu bewerten, was <i>für mich</i> <q>herausspringt</q>, sondern was es <i>für den anderen bedeutet</i>.
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br
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| Da ist als Beispiel das Ehrenamt mit seinen vielen Facetten zu nennen,
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| aber auch die Sorge für und um Menschen, die selber gar nichts oder wenig geben können: Menschen mit körperlichen und
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||
| geistigen Einschränkungen, alte Menschen, Arme etc.
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